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Schnutentrunker

veröffentlicht 20. Februar 2018

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Bilder und Text von Felix Bodmann: siehe auch Schnutentrunker

Ringen um den rechten Weg

Deutsche Weißweine die nicht aus meinen Gault&Millau-Weinguide-Gebieten Nahe und Ahr stammen, fließen meist entweder über die VDP-Schiene, oder über die Berliner Hipster-Rutsche in mein Glas, denn es gibt auch in der realen Welt so etwas wie Filterblasen. Gelegentlich durchbrechen Weine diese, wie zuletzt Stoff von Neder, Ruppert, Hümmler, Hemberger und Schmachtenberger – zum Glück.

Offenlegung 1: Ich hätte für diese Geschichte Geld bekommen können, sogar sollen. Wollte ich aber nicht. Also Geld nehm ich gern, aber nicht für Geschichten – Finale Offenlegung weiter unten.

‚Kannst Du ein Advertorial auf Deinem Blog veröffentlichen und damit bekannt machen, dass einige Winzer der Ethos-Franken-Gruppe ihre Weine auf der ‚Langen Nacht der Weine‘ in Berlin …‘ – ‚Nein. Kann ich nicht. Auf meinem Blog gibt es keine Advertorials. Aber wer bitte ist Ethos-Franken? Und warum habe ich noch nie von denen gehört?‘

Ich könne ja mal auf ethos-franken.de nachlesen. Tat ich. Fand ich sehr spannend. Ich habe mich gerade intensiv mit Bio beschäftigt (Auflösung zur ProWein) und jetzt kommen Winzer daher, die sich extrem am Unterschied zwischen Bio und Nachhaltigkeit abarbeiten. Ich bin geködert! Und wenn ich das nicht kenne, kennt ein erheblicher Teil meiner Leser das vielleicht auch nicht. Dann hat das Nachrichtenwert. ‚Mögt Ihr Infos und Weine schicken, und dann sehen wir weiter?’ Jeder Blogbeitrag hat eine eigene Entstehungsgeschichte…

Nachhaltigkeit setzt auf drei Säulen

Ethos Franken ist eine Gruppe junger Winzer aus der zweiten Reihe, was nicht despektierlich gemeint ist. Sie alle treibt die Frage um, wie man in modernen Zeiten verantwortlich Weinbau betreibt. Dabei wollen Sie Verantwortung in drei Feldern übernehmen: schonender Umgang mit Ressourcen, soziale Verantwortung, ökonomischer Erfolg. Letzteres ist eine Größe, die in meinen Augen viel zu oft aus der Diskussion um verantwortungsvolle Landwirtschaft herausgehalten wird. Was nützt es, wenn der Betrieb eine positive Ökobilanz hat, dafür aber ökonomisch auf der Rasierklinge reitet und man dem Winzer anmerkt, dass er schon lange nicht mehr ruhig schlafen kann, weil absehbar ist, dass die Substanz des Betriebes langsam aufgezehrt wird? ‚Wir wollen nur so viel Holz schlagen, wie nachwächst‘, heißt es dazu in der Broschüre des Vereins – griffig formuliert.

Überhaupt: die Dinge beim Namen nennen, das ist den Ethos-Franken ein wichtiges Anliegen. Ihre Publikationen enthalten viel Klartext. Sie benennen auch die Problemfelder, etwa den Einsatz von Herbiziden. Dieser ist nicht grundsätzlich verboten, aber auf Steillagen beschränkt. Und sie ringen mit sich. Am Telefon erläutert mir das Markus Schmachtenberger genauer. Es gäbe im Ethos-Portfolio extreme Steillagen. Die liessen sich ökologisch bewirtschaften, wenn man den Unterstockbereich mehrfach in tagelanger Arbeit mit der Motor-Sense bearbeitet. ‚Da weiß der Winzer aber, dass sein polnischer Saisonarbeiter, den er da reinschickt, so viel Benzol einatmet, dass er mit erheblicher Wahrscheinlichkeit irgendwann Krebs kriegt. Das wäre zwar Öko-Richtlinienkonform, aber kein sozial verantwortliches Handeln.‘ Also erlaubt das Ethos-Leitbild dort ein Herbizid, erläutert Schmachtenberger, der selber seit September Bio-zertifiziert arbeitet, mit dem Herbizid-Einsatz bei Kollegen aber keine Probleme hat. ‚Das darf nur sehr kleinflächig ausgebracht werden und wir überprüfen die Vorraussetzungen ständig, deswegen finde ich das in Ordnung.‘ Die erste Satzung schrieb eine Mindesthangneigung von 20% für die Ausnahmegenehmigung zum Herbizid-Einsatz vor. Nach Erprobung setzte die Ethos-Gruppe diese vor kurzem auf 30% herauf.

Ethos Franken – kein Greenwashing

Ich bin extrem sensibel, wenn es um das Thema ‚Beinahe-Bio‘ geht. Viel zu viel Greenwashing und Etikettenschwindel begegnet mir mittlerweile auf Weinflaschen. Winzer labeln ihre Weine als vegan, fair oder ähnlich, um dann ungestört alles wie bisher machen zu können. Der Verbraucher verliert dabei den Überblick. Andererseits habe ich neulich gelernt, dass ein Großteil unserer Bio-Kartoffeln im ägyptischen Wüstensand entsteht, wo zur Erzeugung eines Kilos Kartoffelmasse 180 Liter Wasser aus dem Grund hochgepumpt werden, die dann tatsächlich an anderer Stelle fehlen um Einheimische zu ernähren. Das ist Bio-konform, nachhaltig finde ich es nicht. Blindes Beharren auf Zertifikaten nützt also auch nichts. Wer Nachhaltigkeit will, muss sich mit den Erzeuger-Richtlinien beschäftigen. Dafür muss der Erzeuger für Transparenz sorgen. Die ist bei Ethos Franken schon mal vorbildlich. Wenn dann noch die Weine schmecken…

Sieben Weine erreichten mich und sie spiegeln die Vielfalt der Gruppe. Ein feinherber Weissburgunder war dabei, mit dem ich nichts anfangen konnte, weil ich mit dem Stil nicht zurechtkomme, nicht weil der Wein schlecht wäre. Die beiden Bergers schickten eher Freakstoff, Ruppert und Neder eher Weine für traditionelle Geschmäcker. Und dann war da noch der gemeinsame Wein, der Ethos Nummer 1.

Ethos live in Berlin

Nach fünf Tagen des Verkostens kam ich auch ohne Honorar zu der Empfehlung, die Ziel eines Advertorials gewesen wäre: Liebe Berliner Leser, am 15. März 2018 ab 19.00 Uhr stellen ein halbes Dutzend Ethos-Winzer ihre Weine in der Arminius Markthalle bei der langen Nacht der Weine vor. Da sollten Sie hingehen, die Winzer sollten Sie kennenlernen und die Weine probieren.

Und für alle Berliner Profis unter meinen Lesern noch eine Einladung: Da ich nun kein Honorar für diese Geschichte verlangt habe, war noch etwas Budget für eine Fachverkostung am Nachmittag des 15.3. in der Beletage der Cordobar übrig, die ich organisiere. Sommeliers, Wiederverkäufer oder schreibende Kollegen, die Lust haben teilzunehmen, schicken mir bitte einfach eine Nachricht oder kontaktieren mich auf Facebook.

Offenlegung 2: Für die Organisation der Fachverkostung erhalte ich dann ein Honorar von der Fränkischen Weinwerbung.

Schmachtenberger, Randersacker Sonnenstuhl, Silvaner ‚Alte Reben‘ trocken, 2016, Franken.Mit vier Tagen Luft in der Nase Heuboden und Muskat, auch am Gaumen erstaunlich wenig Frucht, am ehesten etwas Zitrus und grüner Apfel, feine Phenolik, mittlere Säure, etwas Hefe, Würze, leicht oxidative Noten, hochkomplex und sehr ernsthaft, druckvoll, tief – und sehr jung.

Schmachtenberger, Randersacker Sonnenstuhl, Silvaner ‚Greif‘ trocken, 2016, Franken.Ziemlich deutliche Orange-Nase, obwohl nur ein kleiner Teil des Lesegutes maischevergoren ist. Am Gaumen sticht dieser Teil nicht so heraus, da finden sich eher Zitrus und Grapefruit, unterstützt durch einige Gerbstoffe, garniert mit Würze, aber auch leicht cremiges Mundgefühl. Dann wird es auf einmal saftig. Wie kaum eine andere Rebsorte kann Silvaner, wenn er aus unterschiedlich produzierten Chargen cuvéetiert wird, eine parallele Ko-Existenz der Partien ins Glas bringen. Hier finden wir genau diese Vielfalt, die zwar noch nach etwas Flaschenreife verlangt, aber auch tolle Spannung erzeugt. Schöne Länge.

Ruppert, Hammelburger Heroldsberg, Sauvignon Blanc tr. 2017, Franken. Dieser Sauvignon Blanc ist aromatisch noch nicht auf der aufdringlichen Seite, aber so archetypisch Sauvignon Blanc, der könnte von überall herkommen. Aber er ist wirklich gut und wirklich trocken und ziemlich leicht, mit nur 11,5% Alkohol und viel reifer Säure. Er macht einen glauben, Franken sei die natürliche Umgebung für Sauvignon Blanc und das hat ja durchaus etwas mit Nachhaltigkeit zu tun.

Neder, Ramsthaler St. Klausen, Grauer Burgunder Spätlese trocken, Franken. Braucht ungefähr 48 Stunden um den erst sehr lätschigen Grauburgundermuff abzuschütteln, wird dann leicht nussig und würzig, mit etwas reifer Birne aber eigentlich nur sehr verhaltener Frucht. Am Gaumen ganz viel Kraft, ordentliche Säure und nur 0,4 Gramm Restzucker, was die ganze Anmutung des Weines ins Stahlige schiebt. Das ist bei aller Kraft auch enorm fokussiert und ein Grauburgunder mit ganz eigenem Charakter. Trinkt sich viel leichter und schneller, als die 14% auf dem Etikett vermuten ließen. Anspruchsvoll!

Hemberger, Silvaner, PetNat (Schaumwein), Franken.Verkostet/getrunken mit aufgeschütteltem Depot. In der Nase die Genre-typische Mischung aus Hefe und leichter Reduktion, dazu ziemlich viel Orange, Pomelo und andere Zitrusfrüchte. Am Gaumen cremig, wieder typisch mit dieser Anmutung eines Weizenbier-Wein-Mischgetränks, die man mögen muss. Aber zwei Dinge gelingen besonders gut/heben den Wein von anderen PetNats ab: die Frucht ist auch am Gaumen sehr warm, reife Orange, Orangeat, lecker und mit Kraft, bei 12,5% Alkohol; und unter der ganzen PetNat-Typizität schimmert sehr viel Sekt-Ähnlichkeit durch. Lagerte man den Wein noch ein Jahr und tränke ihn dann, ohne das Depot aufzuschütteln, ginge er blind bestimmt als guter Winzersekt durch. Spielt gekonnt mit den Facetten des PetNat und ist extrem gelungen.

Ethos No. 1, Silvaner, 2015, Deutscher Landwein Main.Alle Ethos-Winzer schmeißen ihre besten Trauben zusammen und vinifizieren in einem neuen Gärständer und einer Amphore einen experimentellen Wein. Am ersten Tag ein bisschen zu viel Hefeweizen, am zweiten besser: der Gerbstoff frischt auf, der Apfel ist aber etwas mostig, am vierten Tag Aprikose, Apfel und Birne, nicht mostig, viel Frische dank leichter Gerbstoffe, kein bisschen reduktiv, nicht besonders würzig, sondern vor allem fruchtig und mit feiner, passender Säure, dezent hefig, durchaus vom Gerbstoff geprägter Abgang, aber das passt sehr gut, extrem lang und appetitanregend. Gehaltvoller Essensbegleiter, der sich wohl sehr schön harmonisiert hat, denn meine Facebook-Fotos der Flasche wurden dahingehend kommentiert, dass der Wein bei seiner Vorstellung mehrheitlich als problematisch erachtet wurde. Gerne etwas wärmer und aus großen Gläsern trinken.